Die Zeit zerfließt
Bislang war es eher ein sehr, sehr langer Urlaub. So langsam aber geht das Zeitgefühl verloren. Ist schon eine neue Woche? Welches Datum ist heute? Ist schon wieder Montag? Welcher Monat? Wer bin ich, und wenn ja wieviele? Der ständige Schlafmangel durch unterbrochene Nächte lässt einen manche Tage wie in Trance erleben. Der tägliche Spaziergang durch Korntal oder Weilimdorf mit dem Kinderwagen strukturiert den Tag, der Einkauf im Edeka ist das gesellschaftliche Highlight. "Mensch, in der Apotheke war heute wieder die Hölle los", erzähle ich dann abends meiner Frau. Ein bis zwei Mal die Woche machen Urs und ich aber auch einen Ausflug oder Besuch, damit nicht die Decke auf den Kopf fällt. Super ist, auch, dass Eltern und Schwiegereltern gerne den Urs betreuen.

Ansonsten hat sich eine Elternzeit-Routine etabliert. Um 7.30 Uhr beginnt der Tag, indem mich Urs im Bett angrinst. "Juhu, Papa, aufstehen!" will er sagen. Wenn wir Glück haben, können wir noch 20 Minuten Dösen rausschinden, indem wir dem Kind was zu spielen geben, dann heißt es: Aufstehen. Das verdeutlicht Urs mit einem anschwellenden Stakkato-Gesang.



Und schon beginnt das Morgenritual: Urs umziehen, wickeln, die leeren Milchflaschen und die Windeln nach unten bringen, inklusive Kind und sich selbst. Dann unten Urs absetzen, der wild durch die Küche krabbelt und die Futternäpfe der Katzen umher wirft, während ich die Flaschen ausspüle und neues Aptamil aufsetze, dann Katzenklo mache, die Spülmaschine ausräume und wieder einräume. Urs liebt übrigens die Spülmaschine und "hilft" da gerne.

Dann der Versuch, die Wohnung aufzuräumen, während das Kind zum Stalker wird und mich auf Schritt und Tritt verfolgt, am Schienbein festklammert und keine unbemerkte Bewegung machen lässt. Irgendwann dazwischen kann man sich selbst schnell umziehen und auf Toilette gehen - oder auch nicht. Einmal erwischen mich die Eltern um 15 Uhr im Schlafdress und schauen etwas ungläubig. "Lohnt jetzt nicht mehr umzuziehen", schmunzele ich.

Da hilft nur: Intensiv-Spielphase! Die Spielzeugkiste, die am Vorabend das wild in der Wohnung verstreute Spielzeug aufgenommen hat, wird von Urs schnell entdeckt und akribisch ausgeräumt. Zack, Ball durch das Wohnzimmer werfen! Krach, das Holzspielzeug knallt auf den Boden. Puff, das Stofftier wird geknufft. Unendlich viel Energie hat das kleine Kind, und inzwischen ist auch der Papa im Spielmodus. Lässt Urs auf den Papa klettern, übt mit dem Baby Fußball-Hin-und-Her-Werfen und hofft, dass der kleine Mann später auch leidenschaftlicher VfB-Anhänger wird. "Bayern, pfui", entfährt es mir. Frühe Indoktrination. Das Kind grinst wieder.

Gefährlich ist wird es immer dann, wenn man nichts hört. Dann versucht sich Urs im Klettern, oder zupft akkurat alle Blätter des Gummibaumes ab und legt sie in Reihe. Eine Freizeitaktivität ist allerdings möglich: Gitarre spielen! Wenn ich zur Klampfe greife und Peter Burschs Gitarrenschule im Selbststudium durcharbeite, hört Urs entweder andächtig zu, spielt gemütlich mit den Holzklötzchen oder "liest" meine Noten. Ein nettes Ritual, bei dem das Kind mit Musik in Kontakt kommt und ich tatsächlich mein Gitarrenspiel verbessern kann.

Obwohl ich immer wieder ins Büro gehe, Kontakt halte und sogar zwei Veranstaltungen der Redaktion moderiere, versuche ich inzwischen, die Elternzeit auch als richtige Auszeit vom Berufsalltag zu nutzen. Also keine Artikel schreiben, sondern die Zeit auch als Phase der Besinnung nutzen, um nach 20 Jahren stressigen Arbeitsalltags zu sich zu kommen. Soziale Kontakte zu pflegen und vielleicht auch über die eigene Work-Life-Balance nachzudenken. Natürlich fehlt mir die Arbeit inzwischen, und ich freue mich auf den 15. Juli, wenn es wieder losgeht, aber vielleicht werde ich dann etwas bewusster arbeiten und mich auf das Wesentliche konzentrieren. Und hier zu Hause entsteht eine neue Welt, die auch Aufmerksamkeit braucht. Immer wenn mich der kleine Mann anlacht, werde ich daran erinnert.